Leitartikel: Folgen der Versäumnisse
Vom 20. ins 21. Jahrhundert
Von Siegfried Woitinas
»Würde nicht heute, in diesem Zeitpunkt, zu der materialistischen Weltanschauung eine spirituelle hinzutreten, so würde der richtige Zeitpunkt für die Menschheit versäumt werden.«
Rudolf Steiner, 30.1.1910
Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Extreme und Grenz - überschreitungen: Zwei Weltkriege, Spaltung der Materie, Bahn brechende Entdeckungen der Naturwissenschaft und technische Erfindungen. Sie haben unser Leben grundlegend verändert. Radio, TV und Internet. Gewaltige Wissensmengen wurden in fast zeitloser Geschwindigkeit durch die modernen Kommunikationsmittel an jedem Ort verfügbar.
Menschen betraten den Mond und durch ihre Augen lernten wir die Erde vom Kosmos aus zu sehen. Dieser Blick auf den im Weltall schwebenden blauen Planeten verführte auch dazu, Macht über die Erde zu erlangen: »Der Griff nach dem Erdball«. – Das globale Bewusstsein führte aber auch zur Ausbeutung der ganzen Erde. Mit der globalen Gier wurden schließlich auch schützende Grenzen der Völkerschaften niedergerissen.
Das Bewusstsein für die irdischen Dimensionen erweiterte sich gewaltig. Es war in gewisser Weise ein Jahrhundert der Freiheit in doppelter Hinsicht. Es stand unter dem Motto: »Alles ist erlaubt.« Willkür der Machbarkeit einerseits – doch Bewusstseinserweiterung ins Überphysische andererseits. – Die Frage nach dem Sinn der Evolution der Menschheit und des einzelnen Menschen wurde im Verhältnis dazu jedoch nur von Wenigen gestellt und vertieft. Ein reduktionistisches, rein materielles Weltbild aus dem 19. Jahrhundert dominierte weiter das kulturelle, das politische und wirtschaftliche Leben.
Doch dieses 20. Jahrhundert brachte durch einzelne Persönlichkeiten eben auch neue und bedeutende Erkenntnisse über die geistige Dimension des Weltalls hervor. Wären sie aufgegriffen worden, so hätten sie in ihrer Tragweite eine andere Sozialität und Kultur für das 21. Jahrhundert auf den Weg bringen können: Es ist die Erkenntnis, dass die Evolution des menschlichen Bewusstseins nicht zu Ende ist.
So hätte z. B. das gewaltig gesteigerte Persönlichkeitsgefühl – gestützt auf nachweisbar sich verändernde Gehirnstrukturen – als Ausgleich zu dem globalisierten Bewusstsein, differenziertere Formen des Zusammen-Lebens und -Arbeitens erfordert. Die Mitentscheidung und Mitgestaltung der einzelnen Menschen hätte bereits hier in einem umfangreicheren Maße entwickelt werden müssen.
Eine solche »von unten nach oben« aufgebaute »dreigliedrige Demokratie« war bereits Aufgabe des 20. Jahrhundert und hätte in Zeiten des Reichtums in Freiheit veranlagt werden können! Heute fragen auch bereits die aus der Diktatur erwachenden Völkerschaften nach einer solchen zeitgemäßen, dialogisch geprägten Gesellschaftsform!
Auch eine menschengemäß produzierende Realwirtschaft, die sich am Bedarf der Menschen, statt am Gewinn orientiert, war in wesentlichen Grundzügen bereits gedacht. Sie wurde aber durch die in die Gegenrichtung wirkenden Machtverhältnisse und das damit in der Folge sich selbst zerstörende Finanzwesen verhindert. Die verheerenden Folgen werden in ihrer weltweiten Dimension erst allmählich sichtbar!
So leben wir jetzt konsequenterweise in den Folgen der Versäumnisse. Und die immer drängendere Frage ist: Was haben sie uns zu sagen?
Weitere Leitartikel:
Das "Entscheidende" (9–12/2011)
"Menschenbeben – Erdenbeben – unfassbare Gewalten" (5–8/2011)
"Mittendrin" (1–4/2011)
"Gehirn, Bewusstsein und Geist" (1–12/2010)
"Weltbild" (9–12/2009)
Machtwechsel? (4–8/2009)
Egoismus absolut? (1–4/2009)
Durch all diese verschiedenen Erfahrungen leuchtet eine Grundüberzeugung hindurch: Hinter der physisch-sinnlichen Welt befindet sich eine von vielschichtigen Kräften bestimmte »übersinnliche« Dimension, die dem Leben und dem Menschen Sinn verleiht. – Kulturprägend hat sich diese Überzeugung im 20. Jahrhundert aber nicht ausgewirkt. Sie ist jedoch angesichts der immer brüchiger werdenden Lebensumstände am Wachsen!
Wenn ich so auf das vergangene Jahrhundert zurückschaue, meine ich, dass die oben kurz skizzierten Aufgaben in einer gewissen Freiheit hätten realisiert bzw. wenigstens veranlagt werden können. Denn ein Wissen um diese Aufgaben war vorhanden! Doch sind sie trotz vieler Warnungen und Prognosen verdrängt worden. – Was wir jetzt als dramatische, sich überstürzende Ereignisse vor Augen geführt bekommen, sind nun die Folgen der Versäumnisse des vergangenen Jahrhunderts. Wir stehen jetzt unter der »Diktatur der Notwendigkeiten«.
Doch gerade daher besteht die erhöhte Anforderung an uns, den Mut aufzubringen, stärksten »Einsatz der Persönlichkeit« in allen Lebensbereichen zu leisten, gegen jeden traditionellen Schematismus der bestehenden Verhältnisse. –
Ebenso erfordert das Erleben der immer durchsichtiger werdenden Welt der Lügen und Enttäuschungen den stärksten Wahrheits- und Tatsachensinn! Dass hier durchaus Hoffnung besteht, zeigen die vielen unerschütterlich demonstrierenden Menschen. Denn nur auf diesem Weg, wenn wir die geistige Dimension des Lebens einbeziehen, kann aus dem sich anbahnenden Chaos allmählich wieder eine tragfähige Zukunft gefunden werden. In diesem jahrelangen Lernprozess stehen wir alle drinnen.
Dazu gehört vor allem das neue Bewusstsein, dass hinter allen sozialen und natürlichen Katastrophen geistige Kräfte wirksam sind und wir uns dabei an die Hilfe der guten geistigen Mächte wenden können, um Auswege aus den Niedergangskräften zu finden. *
Siegfried Woitinas
Siehe auch die entsprechenden Vorträge: